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Australien entschuldigt sich bei den Aborigines.

Das australische Parlament hat am Mittwoch, 13.02.2008, einstimmig eine von Premierminister Rudd vorgeschlagene Bitte um Entschuldigung an die Adresse der Urbevölkerung des Landes unterstützt. Durch die offizielle Aufarbeitung eines der schwärzesten Kapitel der australischen Geschichte wird nun ein Neubeginn in einem schwierigen Bereich möglich.

Australien entschuldigt sich bei den Aborigines Aborigines
Bild links: Australiens Premierminister Kevin Rudd, rechts, und Mitglieder von Australiens "Stolen Generation".
Bild rechts: Aborigines beobachten die Entschuldigung der Regierung. (Fotos: AP Photo/Mark Baker, POOL & REUTERS)


In einer epochalen und zugleich überfälligen Geste hat das offizielle Australien am Mittwoch die Aborigines (Ureinwohner) um Entschuldigung gebeten für das grosse Leid, das ihnen von der Gesellschaft der weissen Siedler des fünften Kontinents über den grösseren Teil des 20. Jahrhunderts zugefügt worden ist. Bis zu den 1970er-Jahren wurden gemischtrassigen Familien ihre Kinder von den staatlichen Behörden weggenommen und auf Missionsstationen oder in Pflegefamilien gebracht, um die Assimilation an die europäisch geprägte Gesellschaft zu forcieren. Dahinter stand die Absicht, eine klare Trennung von Siedlern und Ureinwohnern herbeizuführen, in der Annahme, dass die sehr andere Kultur der «Wilden» mit der Zeit von selbst verschwinden würde, weil sie inkompatibel mit dem westlichen Lebensstil sei.

Erschütternde Schicksale
Diese Assimilationspolitik hat unermessliches Leid über unzählige Familien gebracht. Die betroffenen Kinder,deren Zahl auf etwa hunderttausend geschätzt wird und von denen viele ihre Eltern nie mehr sahen, haben als die «gestohlenen Generationen» traurige Berühmtheit erlangt. Erst 1995 kam es im Auftrag der damaligen Labor-Regierung von Paul Keating zur Ausfertigung eines Berichts, in dem Tausende erschütternder Einzelschicksale dokumentiert und 54 Empfehlungen für die Überwindung des Grabens zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den Aborigines abgegeben wurden. Doch 1996 wechselte in Australien die Regierung, und der liberale Premierminister John Howard war nie bereit, ein offizielles «Sorry» an die Adresse der Urbevölkerung auszusprechen.

Der im November letzten Jahres an die Macht gekommene Labor-Leader Kevin Rudd hingegen hatte eine offizielle Entschuldigung zu einem Kernanliegen in seinem Wahlkampfs gemacht. Er löste das Versprechen am ersten regulären Sitzungstag des neuen Parlaments ein. Schon bei der feierlichen Eröffnung der Versammlung am Dienstag hatte es mit einer Willkommenszeremonie der Abgeordneten für die lokalen Aborigines ein symbolträchtiges Novum gegeben.

Rudd hielt am Mittwoch vor den Abgeordneten und Hunderten von Aborigines, die auf die Besuchergalerie eingeladen worden waren, eine stark emotional gefärbte und klug aufgebaute Rede. Er erntete dafür eine stehende Ovation und minutenlangen Applaus, sowohl im Haus selbst wie auf öffentlichen Plätzen vor dem Parlament und in anderen Städten, wo das Geschehen auf Grossbildschirmen verfolgt wurde.

Rudd bezeichnete die gesellschaftliche Versöhnung als Aufgabe, die über der Parteipolitik stehen müsse, und bot der Opposition die Bildung einer gemeinsam geleiteten Arbeitsgruppe an, die die Lösung der gewaltigen Probleme angehen solle. Zu diesen Problemen gehören die Überwindung eines gewaltigen Unterschieds zwischen der Lebenserwartung von Aborigines und derjenigen des Rests der australischen Gesellschaft, die Reduktion der Kindersterblichkeit bei den Ureinwohnern, die im hochentwickelten Industriestaat Australien auf Drittwelt-Niveau ist, die Verringerung von Wohlfahrts-Abhängigkeit der Urbevölkerung und die Schaffung von ökonomischen Perspektiven für die oft sehr entlegenen Aboriginal-Siedlungen.


Nach dem «Sorry» an die Aborigines nun die Taten –
Australien will die Lebensbedingungen der Ureinwohner verbessern.

Die australische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die geringe Lebenserwartung der Ureinwohner zu erhöhen. Mit schnellen Resultaten ist allerdings kaum zu rechnen, es dürfte Jahre dauern, bis sich die Lebensbedingungen tatsächlich verbessern werden.

In Australien will die Regierung von Labor-Premierminister Kevin Rudd mit verschiedenen Projekten versuchen, die Lebensbedingungen der Aborigines, wie die Ureinwohner des fünften Kontinents genannt werden, zu verbessern. Wie die für indigene Angelegenheiten zuständige Ministerin Jenny Macklin diese Woche bekanntgegeben hat, soll 26 grösseren Gemeinschaften der Ureinwohner in abgelegenen Gebieten in den beiden Gliedstaaten Queensland und Western Australia sowie im Northern Territory mit mehreren Milliarden australischen Dollar geholfen werden. Die ausgewählten Gemeinschaften hätten gute Chancen, sich zu wirtschaftlichen Zentren zu entwickeln. Zudem hoffe sie, dass es dort zu Landreformen kommen wird, von welchen die Ureinwohner profitieren werden. Die Ankündigung folgte, gut ein Jahr nachdem sich Regierung und Parlament offiziell für das den Aborigines zugefügte Leid entschuldigt hatten. Noch bis Anfang der 1970er Jahre waren gemischtrassigen Familien die Kinder von den Behörden weggenommen worden. Erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wurde in dem Bericht «Stolen Generations» die menschliche Tragödie detailliert beleuchtet.

Enorme Herausforderung
Ministerin Macklin hatte unlängst vor Auslandkorrespondenten eingeräumt, es werde nicht einfach sein, die Lebensbedingungen der Ureinwohner zu verbessern. Es werde mindestens eine Generation dauern, bis mit konkreten Resultaten zu rechnen sei. Tatsächlich sind die Herausforderungen enorm. Eines der Hauptziele der Regierung ist es, die deprimierend geringe Lebenserwartung der Ureinwohner zu erhöhen. Ein Aborigine lebt im Schnitt 17 Jahre weniger lang als ein weisser Australier – nicht gerade schmeichelhaft für ein reiches Land. Besonders in abgelegenen Gegenden leben die Ureinwohner zum Teil unter erbärmlichen Umständen. Grossfamilien hausen auf engstem Raum zusammen, und oft fehlt es an den primitivsten sanitären Einrichtungen.

Knapp die Hälfte der frei gemachten Mittel – umgerechnet rund 1,6 Milliarden Franken – ist für den Bau von neuen Wohnungen und Häusern vorgesehen, bereits im laufenden Jahr soll mit den Bauarbeiten begonnen werden. Wer kein anständiges Haus habe, könne auch nicht gesund sein, betonte Macklin. Wegen der grossen Distanzen sei und werde es nicht einfach sein, adäquate Gesundheitsfürsorge zu leisten. Zudem müssten spezifische Gesundheitsprobleme, die durch schlechte Ernährung, Alkohol und Tabak verursacht würden, gezielt angepackt werden. Die Gemeinschaften müssten künftig vermehrt besucht werden, damit die Menschen ermutigt würden, Ärzte aufzusuchen. Beratung und Prävention spielten eine wichtige Rolle, aber auch die Gesundheitsdienste müssten besser auf die Probleme vorbereitet sein. Weiter würden viele Kinder nicht gesund geboren. Die Mütter seien oft sehr jung, rauchten, snifften und würden innerhalb der eigenen Gemeinschaft sexuell missbraucht.

Verbreiteter Analphabetismus
Weitere Initiativen sind im Bereich Bildung geplant. Da Australien jedoch unter einem Lehrermangel leidet, wird es nicht einfach sein, Lehrkräfte für einen Einsatz im Outback zu gewinnen. Zudem eignet sich nicht jeder für diese anspruchsvolle Aufgabe. Längst nicht alle Aborigine-Kinder sprechen Englisch. Alleine im Northern Territory gibt es 2000 Kinder, die nicht zur Schule gehen. Analphabetismus ist auch unter Erwachsenen verbreitet, mit ein Grund, weshalb viele Ureinwohner arbeitslos sind und von der spärlichen Sozialhilfe leben. 100 000 Arbeitsplätze wären nötig, um den Unterschied zwischen Ureinwohnern und weissen Australiern auszugleichen. Die Ministerin will mit Unterstützung des Detailhandels und der Bergbauindustrie erreichen, dass 50 000 Jobs kreiert werden.

Keine Polizeipräsenz
Im Weiteren ist auch mehr Polizeipräsenz nötig. Die frühere Regierung unter John Howard hatte festgestellt, dass Gemeinschaften von bis zu 2000 Personen existieren, wo es weit und breit keine einzige Polizeistelle gibt. Es sei undenkbar, dass eine Ortschaft dieser Grösse mit weissen Australiern ohne Polizeischutz auskommen müsste, erklärte die Ministerin weiter. Die konservative Vorgängerregierung hatte deshalb 2007 mehrere hundert Militärangehörige ins Northern Territory entsandt, auch um Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Die Aborigines seien anfänglich skeptisch gewesen, hätten befürchtet, ihnen würden erneut die Kinder weggenommen.
Nachdem sich dies nicht bewahrheitet habe, hätten viele die Intervention begrüsst. Zudem seien an der Aktion auch Mitglieder der Ureinwohner selbst beteiligt gewesen. Im Oktober vergangenen Jahres wurde die Intervention abgeschlossen. Macklin äussert sich zu den Erfolgsaussichten der jüngsten Regierungsinitiative optimistisch. Erstmals zögen die Bundesregierung, die Gliedstaaten, die Territories und die verschiedenen Lokalbehörden am selben Strang.

Quelle: NZZ-Online
 
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